Klimaneutralität bis 2050? Sooo wird das nichts.

Ein ganzes Jahr hat die Kohle-Kommission getagt. Man hatte den Eindruck, als seien die Fragen, die zu lösen sind, völlig neu – was sie aber keineswegs sind. Natürlich ist der zukunftsverträgliche Umbau in vielen Wirtschaftsbereichen nicht mal so eben schlank und schmerzfrei zu machen. Aber immerhin gab es am Ende einen Kompromiss, dem sich zähneknirschend auch Umweltverbände anschließen konnten.

Die jüngste Bund-Länder-Einigung zum Braunkohleausstieg stößt jedoch auf harsche Kritik von vielen Seiten. Heute (am 29.01.) will das Bundeskabinett den Gesetzesentwurf beschließen.Christoph Bals, Politischer Geschäftsführer von Germanwatch und unser Gast bei der Frühjahrstagung 2019 in Bonn erklärt dazu: „Diese Einigung entspricht nicht der Empfehlung der Kohlekommission. Der Ausstiegspfad bei der Braunkohle passt nicht zu den Klimazielen. In den kommenden Jahren passiert viel zu wenig und der Großteil der notwendigen Reduktion wird bis zum Ende der 2020er Jahre hinausgeschoben.“

Die Industrie weiß längst, dass die Kohleverstromung keine Zukunft mehr hat. Gleichwohl will sie das Ende noch hinauszögern und sich mit Milliarden-Entschädigungszahlungen vergolden. Dabei trifft sie nicht nur beim deutschen Wirtschaftsminister Altmaier auf offene Ohren. Ähnliches passiert auch auf der anderen Seite des Globus. Die Kohleindustrie hat im gerade schwer gebeutelten Australien etwa die gleiche Relevanz wie bei uns die Autoindustrie.

Der Umstieg in eine CO2-arme oder möglichst klimaneutrale Energieversorgung erfordert große Anstrengungen. Planmäßig. Dazu gehören die Einsparung vermeidbarer Emissionen und die Stromerzeugung aus regenerativen Energien. In Deutschland macht deren Anteil mittlerweile 43 % aus. Der weitere Ausbau ist notwendig und möglich. Leider fährt die Bundesregierung derzeit mit angezogener Handbremse.

Mit 1.078 MW und 325 Anlagen hat der Bruttozubau von Windenergieanlagen an Land im Jahr 2019 den niedrigsten Stand seit Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) im Jahr 2000 erreicht. Nach Schätzungen der Branche ist bei wachsender Bruttostromnachfrage ein Zubau von rund 5.000 MW pro Jahr erforderlich, um das 65 Prozent-Ziel bis 2030 zu erreichen, wie der Bundesverband Windenergie angibt.

Einige Hindernisse müssten abgebaut werden. Dazu gehören die Ausschreibungsprozedur mit gleichzeitiger Deckelung der Strommengen sowie lange Genehmigungsprozesse. Die Debatte um erhöhte Mindestabstände zur Wohnbebauung belasten zusätzlich. Dadurch werden die Widerstände vor Ort gestützt, bei denen es oft nach der Devise geht: Windenergie? Ja, aber nicht bei uns. Neue Stromleitungen? Muss ja sein, aber bitte anderswo.

Wenn wir den Umbau unserer Energieversorgung klimaverträglich hinbekommen wollen, müssen wir uns von manchen Bequemlichkeiten und lieb gewordenen Verhaltensweisen verabschieden. Sonst bleibt uns der viel beschworene Wohlstand nicht erhalten. Ein Wohlstand, von dem andere in dieser Welt ohnehin bestenfalls nur träumen können.

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