Börsen im Aufwind: Ist schon alles wieder gut?

Geht es nach den Börsen, haben wir die Krise überstanden. Tagesschau.de titelte schon am 03.06.: „Die Börse bleibt in Party-Laune.“ Seit dem Tiefpunkt des Corona-Crashs am 18. März sind die Aktienkurse weltweit wieder im Plus. Lassen wir die Krise schon hinter uns?

Die Nachrichtenlage signalisiert etwas anderes.

Kapitalmarkt

Die Börsen sind kein wirklicher Markt, in dem reale Werte sich in Kurswerten widerspiegeln. Tatsächlich haben die meisten Unternehmen drastische Umsatz- und Gewinneinbrüche, die so schnell nicht wieder aufgeholt werden. Etliche Pleiten sind unausweichlich. Nach wie vor gehen alle Fachleute davon aus, dass die Wirtschaftsleistung in allen Ländern für 2020 erheblich einbricht, weltweit ca. um 5,2% laut Weltbank. „Europa erlebt einen ökonomischen Schock, wie es ihn seit der großen Depression nicht mehr gegeben hat“, so EU-Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni.

Die EU-Kommission ging am 6. Mai noch von -7,5% gegenüber 2019 aus. Inzwischen sind die Prognosen nicht nur für Frankreich und Italien noch pessimistischer. Die so genannten Wirtschaftsweisen haben die Erwartungen für Deutschland auf bis zu 7% heraufgesetzt. Alle bisherigen Schätzungen sind nur vorläufig. Denn niemand weiß zur Stunde, wann die unterbrochenen Lieferketten wieder synchron laufen, und ob die Finanzkraft der Staaten und Unternehmen ausreicht, um die wieder Tritt zu fassen.

Zudem setzen die optimistischen Prognosen voraus, dass es keine zweite Infektionswelle mit neuen Lockdowns gibt. Derzeit nimmt die Zahl der Neuinfektionen und der Todesfälle weiter zu, vor allem in Lateinamerika, Südasien und Teilen der USA. Ein Wundermittel gegen Covid-19 wird es so bald nicht geben.

Sicher ist nur das Ungewisse.

Das Coronavirus hat uns schlagartig in eine Zeit vieler gleichzeitiger Unsicherheiten geführt. Das ist für uns im verwöhnten Wohlstandsland neu. Wir sind dabei, zu lernen und damit umzugehen. Das ist bei unterschiedlichen Interessen, bei kurz- und langfristigen Überlegungen nicht einfach. Es kommt auf die Bereitschaft an, Konflikte zu managen und tragfähige Kompromisse einzugehen.

Die Staaten und die Menschen gehen höchst unterschiedlich mit den komplexen Herausforderungen um. Man kann die Brisanz der Pandemie unterschätzen (oder sogar leugnen), man kann sich aus dem demokratischen Diskurs ausklinken und alles dem Egoismus unterordnen. Nicht nur in Deutschland verhalten sich die meisten Menschen jedoch rücksichtsvoll und solidarisch.

Ignoranz, Inkompetenz und Chauvinismus haben schlimme Auswirkungen. Dafür gibt es leider viele Beispiele. Der derzeitige Chef des Weißen Hauses in Washington verkörpert all dies für alle sichtbar. Schlimmer ist nur noch Brasiliens Präsident, der einen anspruchsvollen zweiten Vornamen hat: Jair Messias Bolsonaro. Solche Politiker spalten die Gesellschaft und heizen Aufruhr an. Sie sind für viele Tausend Tote verantwortlich, die es nicht geben müsste.

Neustart und Update statt Weiter so

Nicht alle aktuellen Probleme sind auf die Pandemie zurückzuführen. Die Stärken und Schwächen unserer Art zu Leben und zu Wirtschaften hat das Coronavirus jedoch sichtbarer und spürbarer gemacht. Den meisten, auch bei Konservativen und Marktliberalen ist klar geworden, dass es ein einfaches Weiter-so mit viel frisch geschöpftem Geld nicht geben darf. In diesen Monaten wird um geeignete Lösungen gerungen für einen zukunftsfähigen Wiederaufbau.

Dabei gibt es in einer offenen Gesellschaft keinen Königsweg, mit dem alle zufrieden sind. Fehler sind unvermeidbar. Nichtstun oder einfach die Reset-Taste zu drücken, wären allerdings fatal. Eitelkeiten und Profilierungen aller Art stören die Suche nach tragfähigen Kompromissen. Auch die Mitnahme von Vorteilen persönlichen Vorteilen gegenüber der Gemeinschaft können den Erfolg gutgemeinter Ansätze behindern oder gar verhindern.

Stand heute sieht es so aus, dass das Maßnahmenpaket eine gute Grundlage ist, um mit der andauernden Pandemie umzugehen und einen Ausweg aus der ökonomischen Krise einzuschlagen.

Manches wie die 6-monatige Senkung der Mehrwertsteuer wird kaum oder keine Wirkung haben. Sowieso kann man sich viel mehr und viel radikalere, nachhaltigere Maßnahmen vorstellen. Das ist angesichts der Machtverhältnisse in Wirtschaft, Staat und Gesellschaft aber nicht machbar, jedenfalls jetzt (noch) nicht. Das Konjunkturpaket muss noch im Juni im Bundestag und Bundesrat beraten und in Gesetz gegossen werden. Wir werden sehen, ob sich auf der Strecke noch Verbesserungen oder Verschlechterungen ergeben. (Update dazu folgt)

Findet Europa gemeinsam den Weg nach vorn?

Mindestens so wichtig wie die Maßnahmen der einzelnen nationalen Regierungen ist es, ob die Europäische Union die Stärke findet, die 27 Staaten für ihren den European Green Deal und den Green Recovery Plan über insgesamt 1.350 Mrd. Euro zu gewinnen. Diejenigen in Politik und Wirtschaft, die über den Tag hinaus und über den Tellerrand sehen können, begreifen anscheinend, dass es um mehr geht als darum, „die Pferde wieder zum Saufen zu kriegen“, wie es Peter Altmaier gern ausdrückt.

In diesem Jahr werden Weichen gestellt für die nächsten Jahrzehnte. Proaktives Handeln gegen die Klimakrise und gegen die weitere soziale Spaltung im Kleinen wie im Großen ist gefragt. In vielen anderen Regionen ticken die Uhren anders. Nationaler Egoismus und das Unvermögen, komplexe Dinge kompetent zu gestalten, dominieren in vielen Ländern. In der EU gibt es leider nach wie vor erhebliche Widerstände für gemeinsames Handeln und Haften. Noch besteht Hoffnung.

Am 1. Juli übernimmt Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft. Die Regierungserklärung der Bundeskanzlerin am 18. Juni zeigen, dass man sich der Verantwortung bewusst ist. Wenn die Europäische Union den Wandel mutig, solidarisch und erfolgreich hinbekommt, kann dies positiv ausstrahlen auf andere.

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